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Wir sind JUPP

Jupp ist fünfzig Jahre alt. Einundzwanzig und vierunddreißig. Jupp wiegt zwischen 80 und 120 Kilogramm. Könnten auch dreiundsechzig sein. Er ist Single und seit dreißig Jahren verheiratet oder geschieden. Witwer war er noch nie, wäre aber problemlos möglich. Jupp ist ein Einzelgänger, Eigenbrötler und ein unglaublicher Familienmensch. So was wie ein Hans Dampf in allen Gassen. Unglaublich geschickt, bei allem, was er tut. Unbeholfen ist er auch, aber nur, wenn ich es will.
Jupp ist ein guter Freund und ein unglaublich wichtiger Kamerad.
Jupp ist meine Erfindung.

Angefangen hat alles vor sehr vielen Jahren, als meine Frau und ich mit meinem Freund Martin und dessen Frau in einer Hütte am Edersee ein Wochenende verbrachten. Nachts spielten wir zu dritt Karten, meine Frau gab nach wenigen Stunden auf und gab „Die Schnarchende“ im Sessel neben uns.

Martin, der im Gegensatz zu uns dem Alkohol in Form von Bier heftig zusprach, machte sich immer wieder auf den Weg nach draußen um, wie er es nannte, seine „Freunde“ zu besuchen. Wir wussten natürlich, dass er ganz einfach literweise sein getrunkenes Bier in die umliegende Natur pinkelte.

Jedes Mal wenn er die Tür der recht komfortablen Hütte öffnete, gab es draußen Lärm. Wir erfuhren hinterher, dass es sich um Waschbären handelte, die die Mülleimer der Hütten in der näheren Umgebung nach Essbarem absuchten. Sobald aus unserer Hütte Licht fiel, rannten sie weg.

Immer wenn Martin, oft noch mit offener Hose, wieder in die Hütte zurück kam, drehte er sich noch mal um und verabschiedete sich in die Nacht!
„Machs gut, Schorsch!“, oder „Bis denne, Emil!“
Martins Frau und ich haben Tränen gelacht. Meine Frau brabbelte manchmal ein „Was is …?“, im Halbschlaf und wollte am nächsten Morgen wissen, wer denn die ganzen Typen waren, die Nachts um die Hütte geschlichen waren.

Bei den zwei Gelegenheiten, bei denen ich die Hütte verließ, um, natürlich, zur Toilette, einem Plumpsklo zwanzig Meter im Wald, zu gehen, wurde Jupp praktisch geboren! Emil und Schorsch waren Martins Freunde, ich hatte Jupp!

Seit dieser Zeit begleitet mich Jupp. Immer und überall hin.
Ein Freund wie Jupp hat viele Vorteile. Man muss beim Essen reservieren keinen Platz für ihn freihalten, kann aber beim Eintreten ein: „Mein Freund Jupp hat sie mir empfohlen …“, fallen lassen. So was kommt immer gut, zumal der Ober sofort überlegt, wer denn dieser ominöse Jupp sein könnte.
‚Hieß nicht Direktor Schmitz Jupp mit Vornamen’, geht ihm dann vielleicht durch den Kopf.

Jupp ist einfach zu handhaben und pflegeleicht. Man kann ihn überall mitnehmen, ohne sich für ihn schämen zu müssen. Als ich vor einigen Jahren auf dem Weinheimer Volksfest, der „Woinemer Kerwe“ war, war das Geschubse und Gedränge an einem engen Winkel in der Altstadt so heftig, dass ich Angst haben musste, meine Frau aus den Augen zu verlieren. Die Leute standen, wie auf einer Tanzfläche wirklich press aneinander.
Das war direkt oberhalb des Marktplatzes, dort wo der goldene Adler mit seiner Ecke direkt auf die Herz-Jesu-Kirche trifft. Der Durchgang ist gerade mal fünf Meter breit.
Ich blieb einfach stehen, schaute ungläubig nach oben und schrie:
„Spring doch, Jupp, du alter Feigling!“

Es dauerte keine zwei Sekunden und rund um den imaginären Aufschlagpunkt hatte sich eine menschenleere Stelle gebildet. Alles starrte nach oben und suchte mit den Augen nach Jupp. Keiner beachtete mich oder meine Frau, es war relativ leicht, den Engpass zu durchqueren.
Als wir Stunden später mit vier Freunden den Ort wieder passierten, alle Fahrgeschäfte hatten schon geschlossen, in den Biergärten wurden gerade die Tische abgeräumt, sah ich dort zwei junge Männer stehen, die nach oben blickten.
„Hättest mal sehen sollen, vorhin, wie da einer alle verarscht hat. Der hat hochgesehen und gebrüllt, da soll einer springen!“
Der andere schüttelte den Kopf.
„Schön blöd, wie kann man auf so was reinfallen? Mir würde so was nicht passieren.“
Ich grinste meine Frau an, sie schüttelte im Wissen auf das nun Folgende schon leicht entsetzt den Kopf. Mit dem Rücken zu den beiden Männern sah ich zur gegenüberliegenden Kirche hoch und brüllte aus vollen Hals:

„Nein Jupp, nicht springen!“ Hinter mir hörte ich einen erschreckten Ausruf und dann sah ich die beiden entsetzt zur Kirche hoch sehen.
Euch kann ich es ja sagen, Jupp ist nicht gesprungen. Aber die zwei haben noch Minuten später darüber diskutiert, wo denn Jupp gestanden hatte.

Alles alte Geschichten. So was macht Jupp heute nicht mehr. Heute dient er meist nur der Belustigung, wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin und mich zum Beispiel beim gehen in der Fußgängerzone umdrehe und einfach „Hallo Jupp“, in die Menge rufe. Irgendwer dreht sich immer um und sucht ihn.

Letzte Woche sagte meine Schwiegertochter in Spe, es sei erstaunlich, dass ich das mit dem renovieren ihrer neuen Wohnung alles alleine so schnell geschafft hätte. Ich tat dann ganz zerknirscht und sagte:
„Also wenn ich ganz ehrlich bin, mir hat eigentlich ab und zu jemand dabei geholfen.“ Ihre Augen wurden groß, ein Ahaaaaa-ich-habs-doch-gewusst überzog ihr Gesicht.
„Und wer hat dir geholfen?“, fragte sie neugierig und schadenfroh.
Ich sah meinen Sohn an, der fing plötzlich auch an zu grinsen und wir sagten gleichzeitig: „JUPP!“

So, ich wünsch euch noch einen schönen Tag, ich hab leider keine Zeit mehr für euch, Jupp kommt gleich vorbei, wir wollen Billard spielen gehen.

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