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Das Sockenmonster
Sie ist alles andere als hässlich. Im Gegenteil. Ihr schwarzes, glänzendes Fell ist seidig weich und anschmiegsam, ihre weißen Hinterfüße sehen aus, als habe sie weiße Stiefelchen an und die etwas schmaleren weißen Vorderfüße erinnern an weiße Handschuhe.
Es ist ihre Seele. Die ist rabenschwarz!
Ihr Name ist Fee und sie klaut unsere Socken.
Ja, Ihr habt ja Recht, wie können wir so was Fee nennen, aber das konnten wir doch vorher nicht wissen. Unsere anderen beiden Katzen, Lucy und Maja sind einfach nur brav. Lassen sich auf den Arm nehmen, streicheln, sie schnurren, wenn man sie am Hals krault.
Gefüttert zu werden, ist für sie ein Grund, sich an uns zu schmiegen. Lucy und Maja schlafen etwa 18-20 Stunden am Tag.
Nach dem Motto: „Wer morgens schläft, hat Abend das Recht auf ein wenig Ruhe!“
Fee schläft nie!
Jetzt gibt es bestimmt Katzenexperten, die behaupten, das könne überhaupt nicht möglich sein. Jedes Tier, jedes Lebewesen müsse mehrere Stunden täglich schlafen.
Glaubt mir, Fee schläft nie! Fee wartet 24 Stunden am Tag auf Sockenbeute!
In der Regel liegt sie zum Ruhen auf dem Katzenbaum im Wohnzimmer.
Dabei hat sie die Vorderbeine, ich hatte ja schon davon berichtet, also die Vorderbeine mit den weißen Handschuhen, über die Kante der oberen Plattform hängen. Den Katzenbaum habe ich selbst vor ein paar Jahren gebaut, er hat ganz oben eine runde Plattform von etwa 70 Zentimetern Durchmesser.
Ja, darauf liegt sie und beobachtet uns. Immer!
Auch mit geschlossenen Augen. Sobald ich auf dem Balkon, also etwa zehn Meter von ihr entfernt bin und den ersten meiner Socken anziehen möchte, dauert es keine zehn Sekunden und mein zweiter Socken, den ich neben mich gelegt habe, ist verschwunden.
Langsam gehe ich dann in die Wohnung zurück, sehe Maja und Lucy brav in ihren Körben liegen und schlafen.
Fee liegt oben auf der Plattform des Katzenbaumes wie auf einem Feldherrenhügel, hat ihre Vorderpfoten, die mit den Handschuhen, lässig über den Rand gelegt und grinst mich an.
Nein, sagt nichts, sie grinst, glaubt mir einfach.
Ich durchstöbere daraufhin die Wohnung und finde im Flur, ganz vorne an der Tür meinen erbeuteten schwarzen Socken. Bei näherem Hinsehen fällt mir auf, dass direkt daneben noch einer liegt. Auch einen halben Meter weiter lümmelt sich so ein Baumwoll-Viskosevieh.
Insgesamt finde ich auf dem Weg ins Schlafzimmer elf Socken. Vier Paare und drei schwarzen Socken, einen davon mit dem Emblem vom Rockkonzert Wacken 07 von meinem Sohn. Deren Waschmaschine war defekt und sie haben uns vor zwei Tagen eine Ladung Wäsche gebracht. Im Schlafzimmer sehe ich dann, dass meine Ladung Wäsche, die ich aus dem Trockner geholt, zum zusammenlegen und einsortieren auf das Bett geworfen habe, immer noch dort liegt.
Unterwäsche, Handtücher, T-Shirts, alles liegt da ... nur keine Socken. Die hat unser Sockenmonster erbeutet und wahllos im Flur verstreut.
Versteht mich nicht falsch, ich bin absolut kein Neuling, was Haustiere angeht. Schon von Kindheit an hatte mein Vater Hunderte von Kanarienvögeln, Wellensittiche, sogar Greifvögel wie Bussarde und Falken. Außerdem immer einen Hund und lange, sehr lange hatten wir Katzen. Als ich mit meiner Frau zusammen zog, haben wir uns auch sofort ein paar kleine Fellknäuel geholt. Insgesamt hatten wir in den über dreißig Jahren elf Katzen.
Bei den Hunden hab ich es erlebt, dass sie Beute machten und sie vergruben. Einige der Katzen erlegten kleine Vögel und legten sie vor die Terrassentür. Manchmal sogar ohne Kopf, aber unschuldige Socken hat noch keins unserer Tiere erbeutet.
Außerdem, warum trägt sie die Dinger in den Flur und verteilt sie dort? Würde sie sie auf den Balkon tragen und Muster damit auslegen, könnte man die Theorie aufstellen, dass sie ein Alien von einem Sockenplaneten ist und einem Raumschiff irgendwelche Zeichen gibt. Oder können Raumschiffe durch Decken und Wände sehen?
Fee macht auch keinen Unterschied zwischen sauberen oder ... hmmm getragenen Socken. Wo mir automatisch ein Schauer über den Rücken läuft, beißt sie tapfer zu und schleppt.
Probleme hat sie nur bei den selbstgestrickten Kniestrümpfen meiner Schwiegermutter. Die hat früher Dutzende davon gestrickt, die ich allerdings so gut wie nie anzog. Ab und zu mal in der Wohnung, ja, aber draußen eigentlich nur, wenn ich lange in der Kälte arbeiten muss und dabei Gummistiefel trage.
Und wer schon einmal Gummistiefel getragen hat, weiß, wie leicht man darin zum Schwitzen kommt.
Als ich also vor ein paar Tagen mit einem Freund zusammen bei 2 Grad minus fünf Stunden lang eine Drainage an seinem Haus aushob, hatte ich lange, selbstgestrickte Kniestrümpfe an und die Gummistiefel oben geschlossen.
Beim nach Hause kommen hatte ich das Gefühl, in meinen Stiefeln zu schwimmen. Um sie zu trocknen und auszulüften zog ich sie auf dem Balkon aus, holte mir in der Küche was zu trinken und setzte mich erst mal in meinen Sessel. Es dauerte keine zwei Minuten, da trabte Fee an mir vorbei. Der Knirps, das vergaß ich noch zu sagen, ist eine sogenannte Novemberkatze, also eine vom zweiten Wurfzyklus.
Katzen die im Sommer geboren werden, sind in der Regel einen Kopf größer als unsere Fee, was Ihrer Führungsrolle unter unseren dreien jedoch keinen Abbruch tut. Fee ist die absolute Alphakatze, obwohl kleiner und jünger.
Ich habe Schuh- und Stiefelgröße 46, die Kniestrümpfe, die meine Schwiegermutter mir immer strickte sind also etwa 40-45 Zentimeter lang.
Fee misst in der Länge, ohne Schwanz, etwa 35 Zentimeter. Die Strümpfe haben ein ziemliches Gewicht, schwere dicke Wolle, die durch die Arbeit in der Grube angefallene Feuchtigkeit tut ein übriges, Fee muss daher, wenn sie den feuchten(den nassen?) Strumpf im Maul hat, den Kopf heben und die Füße weit außen aufsetzen, damit sie überhaupt vorwärts kommt, da der Socken zwischen den Beinen entlang hängt. Bis dahin könnt Ihr mir folgen, ja?
Sie rannte also auf den Balkon, schnuffelte an den Strümpfen, die ich über das Geländer gehängt hatte, riss den Ersten runter, nahm die Spitze ins Maul und versuchte, damit in den Flur zu kommen.
Die ersten Meter bis ins Wohnzimmer ging das noch, sie musste nur darauf achten, den Kopf oben zu halten. Als sie jedoch an mir vorbei kam, ging natürlich vor lauter Freude über ihren Erfolg der Schwanz in die Höhe. Das bewirkte gleichzeitig, dass ihr Kopf etwas nach unten rutschte. Es kam, wie es kommen musste. Schwanz hoch, Kopf runter, Tritt auf den Strumpf und platsch ... lag sie vor mir auf der Nase. Sie spuckte feuchte(nasse?)Wolle aus, sah mich vorwurfsvoll an und trabte wieder auf den Balkon.
Zweiter Strumpf, wieder ins Wohnzimmer, Schwanz hoch, Kopf runter, auf den Strumpf, platsch. Ich wagte es nicht, zu lachen, obwohl ich fast platzte vor Heiterkeit.
Sie stand dann vorwurfsvoll vor mir, zwei erbeutete Strümpfe vor den Pfoten, die nicht besonders diskret vor sich hin müffelten. Ich ging ins Schlafzimmer, holte zwei frische Socken aus dem Schrank und warf sie achtlos auf den Balkon in die beiden Ecken, als sie noch im Wohnzimmer war. Man darf es dem Jagdtrieb ja nicht zu einfach machen, gelle?
Es dauerte keine zwei Minuten und die beiden Socken lagen nebeneinander im Flur.
Die beiden müffelnden Kniestrümpfe hab ich in eine Gefriertüte eingeschweißt und mit dem Restmüll entsorgt. Ich hab die noch nie gemocht und wenn Fee sie doch nicht schleppen kann ...!
Jetzt muss ich nur noch diesen einen Socken meines Sohnes suchen. Wenn der nämlich erfährt, dass einer seiner Lieblingssocken mit dem Wackenaufdruck weg ist, dann krieg ich Ärger.
Falls ich ihn nicht gleich finde, okay, Ende nächsten Jahres ziehen wir um, dann spätestens ...
Die zwei Katzen Lucy und Maja liegen wieder in ihren Körben und knacken, Fee hockt oben auf der Plattform und beobachtet mich.
Falsch, sie beobachtet mich nicht, sie lauert auf Beute.
Wo sind eigentlich meine Socken ...?
Robert Herbig/Compuexe 2008
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